Ich möchte mit den folgenden Begriffen etwas zu der heutigen Sprachkultur beitragen und Modelle zum Verständnis anbieten.

Sprache ist eine der höchsten Kulturleistungen vom Menschen.

Wenn jemand „in der eigenen Sprache“ spricht, kann dies ein wirkungsvolles Zuhören und einen Austausch von neuen Informationen ermöglichen. Dann erst ist das „Einbauen“ in ein Neues Verhalten möglich.

Begriffe sind häufig durch Sozialisation, Medien und eine Umgangssprache geprägt und können in ihrer Verwendung ein Verständnis zu einer jeweiligen Denkweise beinhalten. In meinen Ausbildungen bin ich durch unterschiedlichste Denkräume gegangen, welche sich als „wissenschaftlich“, „alternativ“ oder „komplementär“ definiert haben.

Eine streng wissenschaftlich arbeitende Medizin folgt bestimmten Denkmustern, die als Grundvoraussetzungen für das Verständnis und den daraus resultierenden Behandlungen gelten. Besteht bei den beteiligten Menschen dazu eine Einigkeit, kann eine identitätsfördernde Gruppenzugehörigkeit entstehen, welche Ausdruck eines jeweiligen Zeitgeistes ist.

Es geht immer um Modelle zum Verständnis des Lebens, damit sich ein Individuum besser orientieren kann.

Naturheilkunde

Im antiken Verständnis wurde die Natur als Lebenskraft und damit als Heilkraft aufgefasst. Die Gesundung des Patienten wurde durch die Natur bewirkt, der Arzt war der Vermittler. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war die Naturheilkunde von der damaligen wissenschaftlichen Medizin nicht zu trennen. Natürliche Heilweisen waren Grundbestand ärztlicher Erfahrung und Grundgerüst jeder Therapie. Neben dem Einsatz von Pflanzenwirkstoffen zählten Bewegungstherapie, Manuelle Medizin, Hydrotherapie und Diätetik als anerkannte Therapieformen. Eine gravierende Unterbrechung in der Vermittlung und Weiterentwicklung von Traditionen in den jeweiligen Wissensfeldern erfolgte durch den Machtanspruch der Kirche, welche sich 1486 in einem Erlass gegen das Hexentum in Europa wandte. Um seine nächsten Mitmenschen und besonders die eigenen Kinder zu schützen, wurde tradiertes Wissen nicht weitergegeben.

Medizingeschichte

Ein grundlegendes Prinzip aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Anerkennung verschiedener Krankheitskonzepte als Spiegel im jeweiligen geschichtlichen Kontext. Die Säftelehre (Humoralpathologie) war um 400 v. Chr. bis ins 19. Jh. hinein die Grundlage von Körpervorstellung und Therapie. Hervorgegangen war diese Sichtweise aus einer

Elementenlehre

die als Erklärung allgemeiner Körpervorgänge und als
Krankheitskonzept vermutlich aus dem alten Ägypten nach Europa kam. Mitte des 16.Jhd. kritisierte Paracelsus diese Sichtweise, welche aber bis zur Einführung der Zellularpathologie durch Rudolf Virchow im 19. Jahrhundert dominierend für die Naturwissenschaften und die damalige Medizin blieb. Durch Aufklärung und Absolutismus wurden andere medizinische Systeme gelehrt und neue Erkenntnisse der Anatomie und Physiologie brachten weitere Deutungssysteme. Als verbindende Vorstellung blieb die Idee einer allgemeinen Lebenskraft bestehen, die Mensch und Natur durchzog.

Im 19. Jahrhundert vertrat der
Pathologe Rudolf Virchow durch seine Lehre, wonach die Zelle der Ort der Erkrankung sei, eine neue Sichtweise in der wissenschaftlichen Medizin. Diese löste endgültig als universitäre Lehre die alte Vorstellung von den Körpersäften ab. Robert Koch und Louis Pasteur wiesen Mikroorganismen als Krankheitsursache nach. Aus den Erkenntnissen solcher Zusammenhänge entstand die Bedeutung und Anwendung der Hygiene.

Kluge Bewegung

Jeder Mensch hat einen individuellen Zugang zu seinem Bewegungsnaturell. Dieses Bewegungsverständnis für sich nenne ich „Kluge Bewegung“. Als Fachreferent für Haltung und Bewegung biete ich Wissen zu gelingenden Ansteuerungen von Muskelketten, Spannungsbögen und Gelenken, um in statischen und dynamischen Anforderungen mobilisierend und entlastend Einfluss auf Körperstrukturen nehmen zu können. Zu mir kommen Menschen, welche rückwirkend über Schmerzen über die Symptomfreiheit hinaus zu einer schonenden Bewegungsweise kommen wollen. In individueller Ausprägung kann Bewegung eine medizinische Wirkung entfalten. Weniger die Methode oder Sportart gibt Auskunft über „gesunde Bewegungen“, sondern die jeweilige Ausführung und eine vermittelte Wissenskultur von Biomechanik.

Psychosomatik und Placebo

Wenn Thure von Uexküll aus seinem medizinischen und humanistischen Hintergrundsverständnis die Psychosomatische Medizin als eine ergänzende Perspektive in seinem Denken und Handeln zur Anwendung brachte, dann war dies eine erhebliche Bereicherung.

Die Benutzung des Wortes „psychosomatisch“, ohne einen Hinweis zu einer Erklärungsebene, kann nur dahin geworfen werden, ohne dass ein erweitertes Verständnis oder ein Dialog angeboten wird.
Kommunikation hat jenseits einer Absicht eine Wirkung, und der Begriff „psychosomatisch“ hat es schon geschafft, als eine Beleidigung zu gelten.

Der professionelle und reflektierte Umgang mit Modellen vom Menschsein kann Ausdruck einer besonderen Sorgfaltspflicht in allen Positionen innerhalb des Gesundheitswesens sein. Sprachkultur: „es ist nur psychosomatisch“, „es ist also psychosomatisch“, „vielleicht ist es ja bei mir doch symptomatisch“ usw. Ein Deuten dieser Sätze ist abhängig von vielen Faktoren. Ob daraus eine Bereitschaft resultiert, einen möglichen Zusammenhang neu betrachten zu wollen, bleibt offen. Es ist von Vorteil sich solchen Begrifflichkeiten mit einer gewissen Vorsicht und einem gesunden Menschenverstand zu nähern.

Historisch begründbar ist der Begriff „psychosomatisch“ aus einer gesellschaftlichen Gegenreaktion bezüglich einer vorherrschenden mechanistischen und einer streng linear logischen Sichtweise.
Hier hatte einst die Beschreibung “alternativ“ ihre Berechtigung. Inzwischen gibt es anerkannte Lehrstühle für Psychosomatik, eine umfassende Literaturauswahl, sowie ein gewachsenes Selbstverständnis innerhalb des Gesundheitswesens. Somit ist eine Psychosomatische Medizin mittlerweile in einer konventionellen Medizin angekommen.

Systemisches und komplementäres Verständnis

Zu einem zuhörenden Handwerk gehört es, bei der Differentialdiagnostik in einer Anamnese herauszufinden, ob Symptome u.a. aus bestimmten Lebensumständen, einem Ernährungsstil, oder aus einer mechanischen Fehlhaltung heraus resultieren. Für mich ist neben einem diagnostischen Blick durch Wissen von Anatomie, Physiologie, Innere Medizin und Orthopädie das System der chinesischen Medizin in der Vermittlung meiner verschiedenen Lehrer von größter Bedeutung.

Eine gelingende Kommunikation kann vielfältige Wirkungen bei einem Patienten haben. Das Gefühl, dass nicht nur sachlich und emotional gefolgt wird, sondern über Sprache und Gestik hinaus eine Verbindung hergestellt wird, gibt einem Patienten die Möglichkeit, seine Symptome in einem erweiterten Kontext zu betrachten. Dies setzt voraus, dass der Behandelnde über solch ein komplementär medizinisches Modell verfügt.

Eine vereinfachende und nicht auf Dialog ausgerichtete Betrachtungsweise verbietet sich dabei. Zum Beispiel können Symptome z.B. einer „gereizten Haut“ oder einer „volle Nase“ mit einer Psychologisierung unter Verdacht geraten: „ da ist irgendetwas nicht in Ordnung bei Ihnen …“. Aus meiner Sicht ist z.B. mancher Schnupfen zufällig und ohne Zusammenhang zu einem „tieferen Verständnis“ der Lebenssituation eines Menschen. Daneben kann ein Symptombild mit Schnupfen auch ein Wink mit dem Zaunpfahl sein, hier einmal genauer hinzuschauen.

Kommunikation ist Wirkung, nicht Absicht

Das Erlebnis einer Patientin von mir, als ihr nach aufwendigen Untersuchungen auf dem Krankenhausflur ein eilender Oberarzt zurief: „Wir haben es ! Wir wissen jetzt, was Sie haben. Sie haben Krebs.“ … hat eine Wirkung jenseits der Absicht. Welche Absicht ihn so handeln ließ, blieb der Patientin verborgen. Sie blieb mit der Wirkung über Tage allein.

Diagnose

Viele “gesicherte Diagnosen“ konfrontieren den betroffenen Menschen jenseitig einer tatsächlich vorhandenen Symptomatik mit aktuellen, kollektiven Bewertungen innerhalb der Gesellschaft und Prägungen aus eigener Biographie und können durch weitere Lebensfaktoren unterschiedlich zur Wirkung kommen. Solche Auswirkungen können fördernd oder hemmend sein. Und alles dazwischen. Ein neuerer Wissenschaftszweig, die Psychoneuroimmunologie, beschreibt mögliche Wechselwirkungen zwischen einem subjektiven Empfinden und den Symptomen.

Placebo

Die Phänomenologie eines geglückten Placeboeffektes liegt sicherlich in einer glücklichen Kommunikation begründet. Diese kann zwischen zwei Menschen, einem Ereignis oder einem Medikament stattfinden.

Eine Krankheit mag neben mechanischen oder stofflichen Erklärungen ebenso ein Ausdruck von einem Verlust an Informationen und Kommunikation im Körper und zu der eigenen Persönlichkeit sein.

Eine Begriffsfindung zu “Psychosomatik“ und “Placebo“ ist komplex und immer individuell. Für mich sind es dynamische Größen, die sich aus einem verändernden Selbst- und Weltverständnis immer wieder neu zusammensetzen. Mir ist es ein Anliegen zu verdeutlichen, dass diese Begriffe in unterschiedlichen Zusammenhängen für andere Inhalte benutzt werden.

Quellen meiner Auseinandersetzung:

Die Psychoneuroimmunologie versucht als junge Wissenschaft Brücken zwischen einer nur technisierten Medizin zu emotionalen, mentalen und geistigen Wirklichkeiten zu bauen.

Die Kommunikationspsychologie klärt über Projektionen und deren Wechselwirkungen, über Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene auf und hat Ideen zu unterschiedlichen Instanzen im menschlichen Sein.
Als Medizinstudent begegnete mir das Patienten-orientierte- Empfindungstraining (Poet) in der Didaktik der Medizin an der Universität Hamburg unter Professor Winfried Kahlke (IZHD – interdisziplinäres Zentrum für Hochschuldidaktik).